Definition Tumorschmerzen


Nahezu alle Tumorpatienten leiden im Verlauf ihrer Erkrankung an Schmerzen. Im Frühstadium leiden 35 bis 45 Prozent der Patienten an Schmerzen. Im fortgeschrittenen Stadium sind es etwa 70 Prozent, im Terminalstadium nahezu alle.

Die Ätiologie der Schmerzen ist jedoch unterschiedlich, denn nicht nur der Tumor selbst verursacht Schmerzen, auch die Therapie kann Schmerzauslöser sein. So sind etwa 60 bis 90 Prozent der Schmerzen tumorbedingt (etwa durch Infiltration oder Kompression von Hohlorganen, Weichteilen, Knochen oder Nerven), etwa 10 bis 25 Prozent tumorassoziiert (beispielsweise durch eine Post-Zoster-Neuralgie aufgrund humoraler Antikörper mit nachfolgender Virusvermehrung) und 5 bis 20 Prozent therapiebedingt, etwa durch die medikamentöse Therapie, eine Bestrahlung oder postoperativen Schmerz. Als Folge des immunsuppressiven Effekts von Zytostatika kann auch Herpes Zoster mit der Tumortherapie in Zusammenhang stehen.

Darüber hinaus sind 3 bis 10 Prozent der Schmerzen gänzlich unabhängig vom Tumor (tumorunabhängige Schmerzen) wie z.B. Kopfschmerzen oder Schmerzen bei Osteoarthritis.

Die Pathogenese der Tumorschmerzen ist für die Medikamentenwahl bei der Behandlung besonders wichtig. Sie lassen sich in somatische Nozizeptorschmerzen, viszerale Nozizeptorschmerzen und neuropathische Tumorschmerzen unterteilen.

Somatische Nozizeptorschmerzen entstehen durch Reizung von Nozizeptoren in der Haut oder Muskulatur. Die Reizung der Nozizeptoren kann entweder durch den Tumor selbst oder durch eine begleitende Entzündungsreaktion ausgelöst sein. Somatische Nozizeptorschmerzen werden in der Regel als bohrend, stechend oder drückend beschrieben.

Viszerale Nozizeptorschmerzen werden durch die Organinfiltration durch den Tumor ausgelöst. Oftmals überträgt sich der Schmerz auf die entsprechenden Hautareale (übertragener Schmerz). Die Schmerzqualität wird in der Regel als dumpf und diffus sowie schwer lokalisierbar beschrieben. Bei Befall eines Hohlorgans können die Schmerzen auch krampfartig sein.

Neuropathische Tumorschmerzen entstehen durch Infiltration oder Kompression von peripheren oder zentralen Nerven durch den Tumor oder Metastasen. Die Schmerzen werden meist in das Versorgungsgebiet der betroffenen Nerven projiziert und als brennend, stechend und elektrisierend beschrieben. Sie können dauernd oder intermittierend auftreten und mit Sensibilitätsstörungen und erhöhter Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie, Allodynie) einhergehen.

Häufig tritt beim Tumorschmerz auch die gemischte Schmerzform (Mixed Pain) mit neuropathischen und nozizeptiven Komponenten auf.

 

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